Die Korsika Geschichte TEIL 3
Sonntag, den 02. August 2009 um 15:59 Uhr
Administrator
Von R. B.
22. Oktober 2008
Wie gesagt, es klappte wie am Schnürchen. Selbst die Taxis waren pünktlich. Ca. 3.30 Uhr am Flughafen war auch I. schon da, die K-Gruppe vollständig. Die müden Körper schleppten sich und ihre Gepäckstücke schwerfällig durch die Kontrollen einem Bistro-Counter entgegen. Kaffee! Blick auf die Uhr: 3.45 Uhr!
„Du bist schuld!“ H. hatte den Verursacher ihrer unendlichen Müdigkeit ausgemacht: J.! Weil der ein Jahr und 23 Tage zuvor C. Adresse im Internet ausfindig gemacht hatte…;-)))
Wir hoben pünktlich um 5.10 Uhr mit einer Maschine der „Howold Wings“ ab. Wir, die acht Howolds und Howold-Ableger waren auf diesem Flug eindeutig in der Mehrzahl. Wer sonst will schon an einem 22. Oktober um 5.10 Uhr nach Bastia fliegen? So verrückt sind nur Howolds! Aber wir hatten schließlich den besten Grund der Welt!
Landung im Morgengrauen. Wer uns am Flughafen wohl abholen würde? Ob A. und B. auch da sein würden? Ich hatte es Ihnen per SMS eigentlich verboten…nach der langen Anfahrt von L. gleich wieder so früh aufzustehen…
Natürlich waren A. und B. da. Und C.! Drücken, herzen, küssen, knuddeln, noch mal drücken, herzen, küssen, knuddeln…Versuche auf einen gemeinsamen sprachlichen Nenner zu kommen… Fotos, Fotos, Fotos… drücken, herzen, küssen, knuddeln…
Ich stellte schnell fest, dass J. Französisch großartig war, meine Versuche auf Französisch blieben dagegen eher kläglich. Aber: C. konnte englisch! Damit war der Fall für mich klar: Englisch! Und C. übersetzte in der Folgezeit, wenn es erforderlich war, tapfer vom Englischen ins Französische. Oder vom Französischen ins Englische. Je nachdem, wer gerade was brauchte.
Fahrt zu A.-M. nach Hause. Petit-déjeuner. Fotos, Fotos, Fotos, als würden wir gleich wieder abreisen… C. und ihre Mutter blieben bis hierhin zunächt die einzigen k. Howolds, die wir kennenlernten. Denn nun ging es erst einmal in die Unterkunft.
In einer Ferienanlage, ca. 100 Meter von der Mittelmeerküste und einen runden halben Kilometer Luftlinie von A.-M. Haus entfernt, wohnten wir. In einer Art Doppelhaus für jeweils fünf Personen. V., S., H., J. und I. in der einen Hälfte, A., B., K., K. und ich in der anderen. Koffer auspacken, Betten beziehen, einkaufen fahren. Dann erschien auch schon wieder unser persönlicher Hol-und-bring-Service: C. holte uns mit dem Auto ab, A. fuhr auch, wer wollte, ging zu Fuß zu A.-M. Haus. Essen stand auf dem Plan.
Diese Mahlzeiten bei A.-M.…die Franzosen haben es ja wirklich drauf. Aber was wir in unseren Tagen auf Korsika diesbezüglich erfahren sollten, sprengte alles, was wir bisher erlebt hatten. Mir kommt es immer noch vor wie Zauberei. Da wurden mal so eben – fast nebenbei – zusätzlich zehn „Fremdlinge“ verköstigt, mit den leckersten Sachen, die man sich vorstellen kann. Und nicht nur heute, am ersten Tag. Nein, jeden Tag!!! Immerhin hatte A.-M. noch die Hochzeit ihres Sohnes zu stemmen.
Und: Wir erlebten eine Gastfreundschaft, die einzigartig war. Eine Herzlichkeit, die wir so nicht erwarten konnten. Kurz: Die Howolds – eine Familie. Dabei kannten wir uns ja erst ein paar Stunden. Wir waren und blieben überwältigt. Das Herz der Howolds, es schlug auf K.. So fühlte es sich an. Ich denke, unsere Eltern hätten das auch gerne erlebt. Nun durften wir es erfahren.
Für A. Mutter R. wäre K. immerhin mal möglich gewesen. Sie, die letzte noch lebende der Howold-Kinder von A. Howold (geb. F.) und F. P. Howold, war indes gesundheitlich nicht mehr in der Lage, diese für sie doch äußerst beschwerliche Reise auf sich zu nehmen. Und wie sie solch ein Treffen emotional verarbeitet hätte…vermutlich hätte sie die direkte Konfrontation mit unserer K.-Geschichte zu sehr aufgewühlt. Ihr letzter Kontakt zu ihrem Bruder R. lag über 40 Jahren zurück. Und doch … seit ihrer Kindheit, hatten R. und R. ein sehr spezielles, besonders durch die gemeinsamen Kriegserlebnisse geprägtes, inniges Verhältnis. Es wäre wohl alles zuviel geworden für sie.
R. wurde von ihrer Tochter A. täglich telefonisch informiert. R. nahm Anteil im entfernten L.. Und durch A. war R. ohnehin irgendwie bei uns, ganz nah! Wie sehr hatte sie gelitten in all den Jahren unter dieser Ferne zu ihrem Bruder, hat immer auf ein Lebenszeichen gewartet. Aber sie selbst hatte große Angst und auch keine Kraft die Verbindung zu dem doch so geliebten Bruder aufzunehmen. Wir glauben, sie mag froh gewesen sein, diese Distanz zu allem gehabt zu haben. In Gedanken war sie mit uns auf Tour.
Eines war klar: A. würde mit einem Berg voll neuer Fragen zur Familiengeschichte der Howolds nach Hause zurückkehren.
Zurück zum Protokoll: Wir lernten an diesem Tag auch A.-M. Mann M. kennen, ein kernig-drahtiger Mann, dem man auch zutraut, dass er ein Wildschwein mit bloßen Händen fängt. Erst einmal: Aufstellung zum Gruppenfoto!
Schließlich kamen nach dem sensationellen Essen auch P. und seine zukünftige Ehefrau M. und brachten ihren zweijährigen Sohnemann A.-L. mit. P., unser „neuer“ Cousin, wirkte scheu und zurückhaltend. Er sprach weder deutsch noch englisch und beschränkte sich weitgehend darauf, die anderen bei ihren deutsch-englisch-französischen Kommunikationsexperimenten zuzuschauen.
Ich erfuhr dann doch einiges von ihm und seinen Gedanken. Was ihn sehr beschäftigte, war die Tatsache, dass er und die Familie auf K. bisher so gar nichts gewusst hatten vom Vorleben ihres Vaters R. in Deutschland. Dass er, P. und C. mit V. eine Halbschwester in Deutschland hatten, von der sie bis vor wenigen Monaten nichts wussten. Und vor allem dies: Dass R. damals so Knall auf Fall in E. seine Familie mit V. verlassen haben sollte. Unvorstellbar, das in Einklang zu bringen mit dem, wie sie R.auf K. erlebt hatten. Als fürsorglichen, aufopferungsvollen, liebevollen Vater, der immer für alle da war.
Auf die Frage nach dem „Warum hat R. das damals gemacht?“ wird es keine Antwort mehr geben. Ich hatte in dem kurzen Gespräch mit P. das Gefühl, dass ihn diese Tatsache sehr belastete.
Unser erster Tag auf K. endete, wie kann es anders sein, mit einem weiteren üppigen, leckeren Essen. Wir hatten uns inzwischen nach drinnen ins Haus verzogen, weil es draußen doch empfindlich kühl geworden war. Essen, Kaminfeuer, Rotwein, immer lebhaftere internationale Gespräche entlang des gestreckten Tisches, wir hatten Spaß, sehr viel Spaß, ließen uns verwöhnen und waren einfach nur happy. Und hundemüde. Was man nach annähernd 20 Stunden wohl auch sein darf.
Fortsetzung folgt